Altgriechische Sprache
Altgriechisch hellenike glossa
ist eine
indogermanische Sprache, die einen eigenen Zweig dieser
Sprachfamilie darstellt. Eine nähere Verwandtschaft scheint nur zur
antiken makedonischen Sprache bestanden zu haben. Eine Vielzahl von
altgriechischen Wörtern werden in diversen Fachsprachen verwendet
und haben Eingang in viele moderne Sprachen gefunden.
Der Sprachcodes nach ISO 639 für Altgriechisch (bis
1453) ist grc.
Grammatik
Die ersten Grammatiken des Abendlandes wurden zu
hellenistischer Zeit in der philologischen Schule von Alexandria
abgefasst. Aristarch von Samotrake schrieb eine techne grammatike
des Griechischen. Die vermutlich erste autonome grammatische Schrift
ist die techne grammatike des Dionysios Thrax (2. Jh. v.Ch.), welche
die Phonologie und Morphologie einschließlich der Wortarten umfasst.
Die Syntax ist Gegenstand eines sehr systematischen Werks des
zweiten bedeutenden griechischen Grammatikers, des Apollonios
Dyskolos (2. Jh. n.Ch.). Angeblich im Jahre 169/8 "importierten" die
Römer die griechische Grammatik und adaptierten sie.
Die Grammatik des Altgriechischen ist auf den
ersten Blick recht ähnlich zum Lateinischen, was
Partizipialkonstruktionen und sonstige grammatische Phänomene (AcI
etc.) anbelangt, so dass Lateinkenntnisse beim Erlernen des
Altgriechischen sehr hilfreich sind – und umgekehrt. Gutes
Verständnis der deutschen Grammatik hilft allerdings auch; in vielen
Fällen ist das Altgriechische dem Deutschen strukturell ähnlicher
als dem Lateinischen, beispielsweise sind die bestimmten Artikel im
Griechischen vorhanden, während sie im Lateinischen fehlen. Es gibt
auch Fälle, in denen die Ähnlichkeit mit dem Lateinischen eher
oberflächlicher Art ist und mehr Verwirrung stiftet als hilft –
beispielsweise werden die Zeitformen der Verben im Griechischen oft
anders verwendet als im Lateinischen.
Im Westen und auch in diesem Artikel werden
gewöhnlich lateinische Begriffe (wie Substantiv, Dativ, Aktiv,
Person … ) zur Bezeichnung von altgriechischen grammatischen und
semantischen Kategorien verwendet, die direkte Übersetzungen der
griechischen Definitionen darstellen. In Griechenland werden dagegen
bis heute die griechischen Originalbegriffe aus der tékhne
grammatiké des Dionysios Thrax verwendet.
Nominale Wörter
Hierzu zählen die Wortarten Substantiv, Adjektiv
und Pronomen, die alle dekliniert werden. Auch Partizipien,
Verbaladjektive und Infinitive werden dekliniert, sie gelten aber
als Zwischenformen (sogenannte Nominalformen des Verbs).
Hinsichtlich der Deklination ist folgendes zu benennen:
Genera
(allgemeine) Regeln:
Maskulinum: bei
Bezeichnungen für männliche Wesen, Winde, Flüsse und Monate
Femininum: bei Bezeichnungen für weibliche Wesen, Länder, Inseln
und Städte
Neutrum: dient unter anderem zur Verkleinerung oder
Verächtlichmachung von Wörtern männlichen und weiblichen
Geschlechts.
Für den sonstigen Gebrauch lassen sich keine
eindeutigen Regeln aufstellen.
Besonderheit des Neutrums: Bei
Neutrum-Subjekten steht das Verb, auch wenn das Subjekt im Plural
steht, in der 3. Person Singular. Diese Besonderheit besteht
deswegen, weil das Griechische im Fall des Neutrums einen echten
Plural nicht gebildet hat. Der Plural des Neutrums ist eigentlich
ein aus dem Indogermanischen ererbter "kollektiver Singular", d.h.
ein Sammelbegriff, der formal ein Singular ist, von der Funktion her
aber einem Plural entspricht (wie im Deutschen: der Busch, das
Gebüsch). Ferner haben im Neutrum – wie in allen indogermanischen
Sprachen – Akkusativ und Nominativ identische Formen. Im
Griechischen tritt noch die Form des Vokativs den beiden anderen
Kasus als identisch hinzu.
Kasussystem
Von den acht Kasus des Indogermanischen haben sich
im Griechischen fünf erhalten: Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ
und Vokativ. Die Funktionen der nicht erhaltenen Kasus des
Indogermanischen haben sich im Griechischen auf den Dativ und den
Genitiv verteilt. Die Aufteilung ähnelt der der deutschen
Sprache.
Grundfunktionen der Kasus:
Akkusativ
echter Akkusativ (direktes Objekt)
adverbial: Lativ (Richtung, Ausdehnung, Dauer)
Genitiv
echter Genitiv (Bereich)
Separativ (Herkunft)
Dativ
echter Dativ (indirektes Objekt)
Soziativ (Gemeinschaft)
Instrumental (Mittel)
Lokativ (Ort, Zeit)
Tempussystem
Es gibt im Altgriechischen vier Tempusstämme:
Präsensstamm, Aoriststamm, Perfektstamm, Futurstamm; wovon die
ersten drei ein System bilden. Das Altgriechische besitzt aber kein
ausgebildetes Tempussystem. Die Tempusstämme drücken Aspekte aus; –
die subjektive Betrachtungsweise, das heißt die Art, wie der
Sprechende den Verbalinhalt auffasst. Deswegen ist der Begriff
Tempusstamm genaugenommen nicht richtig; besser zu sagen wäre
Aspektstamm.
Der Aspekt des Präsensstamms ist durativ (linear,
iterativ oder konativ). Das bedeutet, es wird mit diesem Aspekt der
Verlauf oder das Andauern einer Handlung ausgedrückt.
Der Aspekt des Aoriststamms ist punktuell. Das
bedeutet, es wird der bloße Vollzug einer Handlung vermeldet. (Die
Bezeichnung punktuell wird benutzt, um den Gegensatz zum linearen
Präsensstamm auszudrücken. Der Aoriststamm ist die Normalform und
benennt eine Handlung oder ein Ereignis, ohne ausdrücken zu wollen,
ob diese Handlung in Wirklichkeit punktuell oder linear war/ist.)
Bei diesem Aspekt wird in der Sprachpraxis gern ein bestimmter Punkt
des Verbalbegriffs ins Auge gefasst, nämlich der Abschluss
(effektiv) oder der Beginn (ingressiv) einer Handlung.
Der Aspekt des Perfektstamms ist resultativ. Das
bedeutet, es wird mit diesem Aspekt ein (erreichter) Zustand oder
einfach ohne jede nähere Bestimmung die Qualität einer Sache
ausgedrückt.
Mit der Handhabung dieser drei Aspekte stellt der
Griechischsprechende aber die zeitlichen Bezüge her, die von den
Aspekten selbst nicht ausgedrückt werden. Die Aspekte gelten nun
generell, während es eine direkt zeitliche Bedeutung nur im
Indikativ gibt (bis auf das Futur. siehe unten).
Die Vergangenheit wird mit Hilfe der Nebentempora,
die nur im Indikativ auftauchen, gebildet. Das sind im Präsensstamm
das Imperfekt, im Perfektstamm das Plusquamperfekt und im
Aoriststamm der Aorist. (Der Aoriststamm ist der älteste Tempusstamm
und hat ein Haupttempus im Indikativ nie ausgebildet.)
Der vierte Tempusstamm des Altgriechischen, der
Futurstamm, ist eine jüngere Entwicklung und hat in der Tat in allen
Modi zeitliche Bedeutung.
Übersicht über die Tempusformen im
Indikativ:
Tempusstamm: Haupttempora Nebentempora
Präsensstamm: Präsens Imperfekt
Aoriststamm: - Aorist
Perfektstamm: Perfekt und Perfektfutur Plusquamperfekt
Futurstamm: Futur
Modussystem
Es gibt im Altgriechischen vier Modi: Indikativ,
Optativ, Konjunktiv, Imperativ. Die Funktionen, die diese Formen
syntaktisch erfüllen, sind sehr vielfältig. Hier kann nur eine
grundsätzliche Bestimmung ihrer Bedeutung vorgenommen werden.
Der Modus bringt die geistige Einstellung des
Sprechenden gegenüber dem Verbalinhalt zu Ausdruck.
Mit dem Indikativ drückt der Sprecher aus, dass ihm
ein Vorgang oder Zustand als wirklich (real) erscheint.
In den anderen Modi drückt der Sprecher aus, dass
ihm der Vorgang oder Zustand nur als vorgestellt gilt.
Der Imperativ drückt einen Befehl
aus.
Der Konjunktiv drückt einen Willen (Voluntativ)
oder eine Erwartung (Prospektiv) aus. (Er hat also leicht futurische
Bedeutung, was umgekehrt für das Futur in Bezug auf den Konjunktiv
auch gilt).
Der Optativ drückt einen Wunsch (Kupitiv) oder eine
Möglichkeit (Potentialis) aus.
Genera Verbi (eigentlich und für das Griechische
besser: Diathese)
Von den drei Genera Verbi sind zwei (Aktiv und
Medium) aus dem Indogermanischen geerbt. Das Passiv ist eine jüngere
Entwicklung.
Das Aktiv drückt einfach eine Tätigkeit aus.
Das Medium drückt aus, dass das Subjekt an der
Handlung beteiligt ist, oder an ihr interessiert ist, dass also eine
nähere Beziehung zwischen Subjekt und Handlung besteht (transitives
Medium). Ferner kann es ausdrücken, dass das Subjekt von seiner
eigenen Handlung betroffen ist (intransitives Medium). Der Begriff
Medium soll in etwa ausdrücken, dass diese Form zwischen Aktiv und
Passiv stehe. Das ist jedoch weder sprachgeschichtlich, noch
morphologisch richtig. Das Passiv ist im Griechischen der Grenzfall
des Mediums, denn:
Das Passiv drückt die Wirkung einer Handlung auf
das Subjekt aus, die nicht von ihm ausgeht. Insofern die Handlung
nur noch auf das Subjekt wirkt, ohne von ihm auszugehen, bildet es
den Grenzfall des Mediums. (Außerhalb des Futur- und Aoriststamms
hat das Passiv keine eigenständige Form. Formal übernimmt dort das
Medium neben der eigenen Funktion auch die des Passivs, was nur aus
dem syntaktischen Zusammenhang, oder bei genauer Kenntnis der
Beschaffenheit des entsprechenden Verbums zu unterscheiden ist.)
Beispiele:
Aktiv: er löst (etwas)
transitives Medium: er
löst (etwas) für sich
intransitives Medium: er löst sich, er
lässt sich lösen
Passiv: er wird gelöst (von jdm.)
Personen
Erste Person (ich / wir), zweite Person (du / ihr),
dritte Person (er, sie, es, Substantiv im Singular / sie, Substantiv
im Plural).
Die Personalpronomen des Nominativ werden wie in
vielen anderen indogermanischen Sprachen meist ausgelassen, wenn sie
nicht besonders betont werden sollen. Es muss also nicht
zwangsläufig ein das Subjekt ausdrücklich nennendes Bezugswort
(Pronomen oder Substantiv) beim Verb stehen – die Endung reicht aus,
um die Person und damit das Subjekt zu identifizieren.
Literatur
Geschichte:
Francisco R. Adrados: Geschichte
der griechischen Sprache von den Anfängen bis heute. Tübingen/Basel
2002
Hans Eideneier: Von Rhapsodie zu Rap. Aspekte der
griechischen Sprachgeschichte von Homer bis heute. Tübingen 1999
etymologische Wörterbücher (altgriechisch):
Pierre
Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque :
histoire des mots. 4 Bände. Paris 1968-80 (Neuauflage 1999)
Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch. 3 Bände.
Heidelberg 1973
Alois Vanicek: Griechisch-lateinisches
etymologisches Wörterbuch. Leipzig 1877 (Nachdruck 1972)
Wörterbücher (altgriechisch):
Wilhelm Gemoll:
Griechisch–Deutsches Schul- und Handwörterbuch bei Oldenburg
Schulbuchverlag. ISBN 3-486-13401-9
Wilhelm Pape: Handwörterbuch
der griechischen Sprache in 4 Bänden. Braunschweig 1842 ff. (3.
Aufl. 1880; Nachdruck 1954)
Grammatiken (altgriechisch):
Eduard Bornemann (u. Mitw. v. Ernst Risch): Griechische
Grammatik. Frankfurt a.M. 1978
Adolf Kaegi: Kurzgefasste
griechische Schulgrammatik. Berlin 1884 (seither ständig
nachgedruckt), ISBN 3-615-70100-3
Historische Grammatik:
Helmut Rix: Historische Grammatik des Griechischen. Laut- und
Formlehre. Darmstadt 1992.